2017-06-23

SCHULD IST NIE DIE HOTPANTS.

Als die ersten Menschen begannen, Felle nicht mehr nur als Sonnenschutz oder Zelt zu benutzen, sondern sich damit zu bekleiden, muss es schon Regeln für Frauen gegeben haben, wie sie sich anzuziehen haben. Anders kann ich mir diese jahrhundertelange krampfhafte Fixierung darauf, was Frauen tragen, was sie tragen dürfen, was nicht und warum es eigentlich immer das Falsche ist, nicht erklären. Bis 2013 war es Pariserinnen offiziell verboten, Hosen zu tragen (natürlich hat sich niemand mehr daran gehalten). In den 60er Jahren durfte Senta Berger – damals schon ein Star – ein Hotel nicht betreten, weil sie einen Hosenanzug trug. 2015 wurde in Frankreich eine Muslima vom Unterricht ausgeschlossen, weil ihr Rock zu lang (sic!) war. Und 2017 wurden Frauen zum Empfang des Bundespräsidenten im kurzen Kleid gebeten.

Apropos Unterricht. Immer im Sommerloch, wenn es draußen besonders heiß ist und die Köpfe vieler Menschen noch weicher gekocht sind als eh schon, kommt dieses eine Thema auf den Tisch: Man müsse den Schülerinnen verbieten in kurzer Kleidung zur Schule zu kommen. Hotpants, Ausschnitt und freier Bauch würden die Lehrer und Mitschüler ablenken. Auch an einem Gymnasium in Eppendorf gibt es jetzt eine Kleiderordnung: „auf "pofreie Shorts" und "übertiefe Dekolletés" sollen Schülerinnen ab sofort verzichten“. Anlass genug für die ZEIT, sich mit Fredrik Dehnerdt, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hamburg (GEW), darüber zu unterhalten. Und nach der Lektüre dieses Interviews war ich kurz davor irgendetwas kaputt machen zu wollen. Selbstverständlich wird wieder einmal ein Mann zu einem Thema interviewt, in dem es in der Hauptsache um Mädchen und junge Frauen geht. Dehnerdt spielt jede erdenkliche Rape Culture- und Sexisten-Karte, die es nur gibt.
In der Quintessenz sind die Mädchen dafür verantwortlich, ob der Unterricht im Sommer störungsfrei verläuft oder nicht – das hängt nämlich davon ab, wie sie sich kleiden.

„Sobald man als Mädchen beginnt, sich seiner Körperlichkeit bewusst zu werden, zieht sich man sich gern mal locker-luftig an. Das kann im Unterricht ablenken – Mitschüler und Lehrer. Für die ist es ja auch nicht einfach, in tiefe Brustausschnitte zu schauen.“

Nein, Herr Dehnerdt, einfach nein. Ich weiß nicht, woher er seine These nimmt, dass Mädchen sich luftig-locker anziehen, wenn sie sich ihrer Körperlichkeit bewusstwerden (the fuck?) – eigene Erfahrung kann es ja nicht sein. Möglicherweise ziehen Mädchen sich auch einfach luftig-locker an, wenn das Thermometer über 25 Grad geht, aber das ist nur Rätselraten von meiner Seite. Dass sich Mitschüler von sommerlich bekleideten Mädchen ablenken lassen könnten, ja, das lasse ich gelten. Das ist aber nicht das Problem der Mädchen. Vielleicht erziehen wir Jungs einfach mal so, dass sie das durchaus ok finden, wenn ein Mädchen das anzieht, was es anzieht. Und wenn die Pubertäts-Hormone dafür sorgen, dass sie dann immer noch abgelenkt werden, ja, dann ist das halt so. Kinder und Jugendliche lassen sich grundsätzlich von allem ablenken – das können wir nicht alles verbieten. Und nun zu den Lehrern, die sich angeblich davon ablenken lassen. Wenn ein Lehrer davon abgelenkt ist, dass er – ich zitiere eine Freundin, die den Artikel auf Facebook verlinkte – "in einen Kinderausschnitt schaut", dann sollte er sich grundsätzlich Gedanken über seine Berufswahl machen. Davon ab finde ich es tatsächlich ziemlich unverschämt Lehrern zu unterstellen, sie würden sich von jeder Hotpants und jedem Ausschnitt ablenken lassen. Was hat der Herr Gewerkschaftler für ein Bild von seinen Kollegen, wenn er meint, dass sie sich dann nicht mehr auf ihren Job konzentrieren könnten. Oder ließe er sich vielleicht selbst zu sehr ablenken? Wenn es nicht einfach ist, in tiefe Brustausschnitte (was zur Hölle soll das sein?) zu schauen, dann SIEH HALT NICHT HIN.

„Im besten Fall wird das im Elternhaus diskutiert: Wie kleide ich mich angemessen als junge Frau?“

Ich wiederhole mich. Nein, einfach nein. Vielleicht diskutieren Eltern irgendwann mit ihren Kindern: Wie kleide ich mich angemessen? Und was heißt eigentlich angemessen? Dass ich zum Vorstellungsgespräch für die Ausbildung nicht im Unterhemd gehe, zum Beispiel. Aber Dehnerdt macht natürlich das, was in unserer immer noch patriarchalen Gesellschaft gerne gemacht wird: Regeln werden ausschließlich für Frauen aufgestellt. Von Männern.
Ich habe mit meiner Mutter oft darüber diskutiert, was eigentlich angemessene Kleidung ist. Und ob ich mein Geld einem Bankangestellten anvertrauen würde, der tätowierte Arme hat (würde ich). Ich durfte in sämtlichen Kleidungsstücken, die ich mir am Morgen rausgesucht hatte, zur Schule gehen – sicherlich hat meine Mutter das ein oder andere Outfit kommentiert, positiv wie negativ, aber es gab keinerlei Verbote oder Regeln. Ich musste selbst herausfinden, was für mich ok ist und was nicht. Auch ich hatte im Sommer oft Hotpants in der Schule an – oder ein weit ausgeschnittenes Shirt. Weil ich einfach Bock drauf hatte und mich modisch ausprobiert habe. Der Unterricht, in dem ich saß, ist jedenfalls nie aus dem Ruder gelaufen, weil man einen Teil meiner Brüste sehen konnte.

Was in dem Interview nicht deutlich wird: Gibt es Konsequenzen, wenn jemand mit Hotpants zur Schule kommt? Muss die entsprechende Schülerin dann wieder heimgehen? Oder eines dieser furchtbaren, sackartigen Shirts anziehen, die es an anderen Schulen mit solchen Regelungen gibt? Wer bestimmt, was zu kurz und zu tief ist?

Fragen, die ich noch hätte: Gibt es eigentlich auch Regelungen für die Lehrer? Wenn einer nach Schweiß oder dieser Rauch-Pädagogen-Mischung aus dem Mund stinkt, muss der dann auch wieder heim? Oder herumläuft, wie der letzte Schlunschi, in Klamotten, die man nicht einmal zu einem Job ohne Kundenkontakt anziehen würde? Und wann erfindet jemand endlich mal Regelungen für die Jungs?

Mir hängen Kommentare zu den Körpern von Mädchen und Frauen so sehr zum Hals heraus, ich werde inzwischen nur noch müde, wenn ich wieder etwas zu diesem Thema lesen muss. Und wütend, wenn angebliche Erziehungsexperten wie Herr Dehnerdt Antworten geben, die auch ohne Probleme aus dem letzten Jahrhundert stammen könnten. Selbstverständlich können wir Kindern und Jugendlichen beibringen, welche Kleidung wohl zu welchem Anlass angemessen wäre. Aber ohne dabei die Schuld der Welt auf die Mädchen zu projizieren und nicht im sexualisierten Kontext. Denn, um das noch einmal ganz deutlich zu sagen und vielleicht auch als kleines Mantra für Herrn Dehnerdt und Konsort*innen: Die Kleidung von Frauen ist nie (nie!) Schuld daran, dass Männer sich nicht benehmen können. Schuld daran sind nur die Männer.

2017-06-21

KOLUMNE: MAMA AUSSER HAUS!

Seit einigen Wochen bin ich Kolumnistin der Familienseite des Redaktionsnetzwerkes Deutschland. Die Kolumne erscheint monatlich in verschiedenen Publikationen des RND: Neue Presse (Hannover), Märkische Allgemeine, Ostsee-Zeitung, Lübecker Nachrichten, Leipziger Volkszeitung, Lübecker Nachrichten u.a....
Etwas zeitversetzt poste ich den Text auch immer hier posten. Zur allgemeinen Erheiterung werde ich die Kolumne hier mit gifs anreichern. Heute: Mama außer Haus!

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Seit der Geburt des Kindes gibt es für Menschen, die mich ohne Kind treffen, nur eine Frage: „Und wo ist das Kind jetzt?“ Manchmal möchte ich darauf einfach gerne mit: „Huch! Jetzt, wo Sie es sagen! Ich wusste, irgendetwas fehlt.“ antworten. Dann sage ich aber doch wieder nur: „Zuhause, mit dem Papa.“ Bei den Blicken, die ich dann ernte, hätte ich auch sagen können: „Im Kofferraum, aber ich habe einen kleinen Spalt offengelassen, ich bin ja kein Unmensch.“ Auch 2017 scheint es für viele sehr erstaunlich zu sein, dass sich Väter genauso um ein Baby kümmern können wie Mütter. Und wenn sie es dann machen, werden sie von allen Seiten gelobt. Er mache das aber gut, musste sich ein Freund von mir anhören, als er den Kinderwagen durch das Viertel schob. Vielleicht habe ich noch nicht richtig darüber nachgedacht, aber bis jetzt bin ich davon ausgegangen, dass das Schieben eines Kinderwagens nicht so richtig kompliziert sei. Denn ich werde nie dafür gelobt, wenn ich das mal schaffe!


Der Mann macht dieses ganze Kindergedöns genauso gut wie ich. Manchmal vielleicht sogar noch besser. Nur, weil ich diejenige mit den Brüsten bin, macht mich das ja nicht zu einem Naturtalent im Umgang mit Babys. Vor allem, weil ich mit den kleinsten aller Menschen bisher nicht so viel anfangen konnte. Bis jetzt hat das Kind immer noch gelebt, als ich nach Hause gekommen bin und das ist ja eigentlich das Wichtigste. Und er hat pragmatische Lösungen. Als ich ihn das letzte Mal gefragt habe, was er getan habe, als das Kind geweint habe, antwortete er: „Mitgeweint.“ Das finde ich solidarisch und empathisch.


Außerdem machen wir jetzt natürlich all die Dinge, über die ich mich früher lustig gemacht habe. Wenn ich unterwegs bin, bekomme ich per Kurznachricht genaueste Informationen über den Stuhlgang und das Schlafverhalten des Babys. Manchmal auch in reiner Emoji-Form – je mehr Kackhäufchen, umso besser! Wenn das Vermissen dann doch zu groß wird, fordere ich auf dem gleichen Weg ein Video ein und starre dann stundenlang in Wiederholung sehr verliebt auf dreißig Sekunden, in denen das Kind versucht, sich seine Faust komplett in den Mund zu stopfen. Ich glaube, er wird mal ein ganz Großer!

2017-06-18

WEEKLY LAGRANDE

Ich bin noch gar nicht durch, aber kann es jetzt schon empfehlen: "Das antikapitalistische Buch der Mode" von Tansy E. Hoskins. Hoskins erklärt die Riesen der Modebranche, das Phänomen Fast Fashion, die Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen und die Macht von Kapitalismus und Marketing. Spannend fand ich schon die Einleitung. Hoskins schreibt nämlich, dass sie selbst ein Opfer der Modeindustrie ist, dass sie selbst viel konsumiert und gerne shoppt und ihr schlechtes Gewissen aber mit der Recherche immer größer wurde. Sie hebt viele wichtige Aspekte heraus - zum Beispiel, dass Primark nicht der einzige böse Player am Markt ist und sogenannte High Fashion teilweise unter den gleichen furchtbaren Bedingungen entsteht wie das T-Shirt für drei Euro. Sehr spannend und ein toller Einblick für alle, die sich dafür interessieren (und das sollten ja leider Gottes eigentlich alle sein, die Kleidung konsumieren).

Wer mir schon länger folgt, weiß, dass ich gemeinsam mit Schauspielerin und Sängerin Denise M'Baye einen Podcast mache: Die kleine schwarze Chaospraxis. Nach meinem Urlaub haben wir jetzt endlich eine neue Folge aufgenommen, die ihr hier findet. In Kürze wird sie auch bei SoundCloud zu hören sein. Nun habe ich gesehen, dass es auch Leute gibt, die ihre Podcasts bei YouTube hochladen. Ist das wichtig? Muss man das machen? Braucht das jemand? Wär jetzt auch kein großes Ding. Für die neue Folge muss ich eine Triggerwarnung aussprechen: Ich las ein Buch, in dem es u.a. um Kindstod ging und wir sprechen zu Beginn der Folge kurz drüber. Keine Angst - der Rest ist dann doch recht fröhlich.

Ich weiß nicht, wie viele Dokus über die Warschauer Straße ich schon gesehen habe. Zu viele waren es auf jeden Fall. Juliane Schiemenz aber schreibt nicht über die Brücke, sondern über einen Baum. Den Baum der Warschauer Straße. Und was er alles aushalten muss. Ein schönes Pflanzenporträt.

Einige FDPler wollen eine Männergruppe gründen, mit der sie gegen Genderideologie kämpfen wollen. Lol.

Lucie schreibt darüber, dass sie verlernt hat zu lesen und ich habe den Artikel zuerst nur überflogen. Haha. Mir geht es im Alltag genau so. Als ich im Urlaub Zeit hatte, quasi jeden Tag ein neues Buch zu beginnen (God bless my kindle), habe ich das sehr genossen. Das soll nicht heißen, dass der Konsum von TV, Netflix, Filme und mein Smartphone nicht auch wertvoll ist, aber ich genieße das Lesen einfach so sehr. Ich bin außerdem ein sehr großer Zeitschriften-Junkie. Ich liebe gut gemachte Print-Produkte - weshalb ich auch glaube, dass Print niemals sterben wird, wenn er nur ansprechend ist. Aber ich finde, vor allem natürlich mit Kind, nicht mehr die Geduld, alles intensiv zu lesen. Und, vor allem, danach auch noch darüber nachzudenken, was ich gerade gelesen habe. Ich merke außerdem, dass ich während einer Phase, in der ich viel lesen kann, sehr viel mehr kreativer bin. Meine Kreativität nährt sich vom Lesen anderer Werke. Umso mehr brauche ich diese Zeitfenster, in denen ich mich wirklich wieder auf Bücher und lange Artikel einlassen kann. Auf jeden Fall ist dieses Thema Stoff genug für einen ganzen Blogartikel, den Lucie sehr gut formuliert hat.

Apropos Lesen - hier gibt's eine tolle Kurzgeschichte auf Englisch von Samantha Hunt. Auch als Audio-File.

Mädchen und junge Frauen können sich sowohl für Glitzernagellack als auch für Politik interessieren? Selbstverständlich, schreibt Ana Grujić, warum auch nicht. Das scheint aber für viele andere immer noch sehr überraschend zu sein, wie die Reaktionen auf das Ranking der beliebtesten Artikel der amerikanischen Teen Vogue zeigen.

Ich habe diesen Artikel schon vor einiger Zeit auf Twitter empfohlen, aber da ich ihn so toll finde, hier noch einmal: Alexa Hennig von Lange und Marcus Jauer schreiben über's Paarsein und -bleiben. Darüber, wie scheinbar alles funktioniert, man sich aber trotzdem manchmal verliert. Wie ihre vorherigen Beziehungen kaputtgegangen sind und was sie daraus gelernt haben. In diesem Zusammenhang lernte ich auf Twitter, was "mental load" ist. Spannend! Das Nuf hat ebenfalls einen guten Artikel dazu geschrieben.

Claire Cain Miller schreibt darüber, wie wir unsere Söhne feministisch erziehen können. So ein wichtiges Thema und so toll illustriert von Agnes Lee. Auch für Eltern von Töchtern sehr lesenswert.

ahoi e.V. steht für „Arm- und Handoperations-Interessengemeinschaft“. René Schaar, hauptberuflich Cutter beim NDR, ist dort Mitglied und hat ein tolles Video darüber gemacht, wie es ist, mit einer Handfehlbildung zu leben. Sehr sehenswert!

Ein persönlicher Gag zum Schluss. Ich fand dieses Foto meiner Mutter mit mir auf dem Wickeltisch. Und dachte, wenn man es drauf anlegt, sehen wir uns unfassbar ähnlich. Gedacht, getan. Den Pulli und die Brille habe ich extra an dem Tag benutzt. Man muss aber sagen, dass ich die Brille durchaus auch anderen Tagen trage. Geschichte wiederholt sich. Nur, dass ich keinen Stern im Gesicht kleben hatte. Komisch.

2017-06-12

MANFRED.

Diesen Text habe ich anlässlich der Eröffnung der Zukunftswerkstatt im Ihmezentrum Hannover geschrieben.

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Manfred wacht auf. Es ist 5:37 Uhr und Manfred wacht auf. So ist das in letzter Zeit öfter und es nervt Manfred. Eigentlich könnte er nämlich noch genau dreiundzwanzig Minuten weiterschlafen. Das ist der Plan, an den sich Manfreds Körper nicht hält, schon seit vier Tagen nicht mehr. Um 6 Uhr klingelt Manfreds Wecker, dann ist er normalerweise etwas grummelig, wie man eben grummelig ist, morgens, wenn man noch niemanden gesehen und gesprochen hat und auch niemanden sehen und sprechen möchte. Manfred suhlt sich dann etwas in seiner grummeligen Grundstimmung, weil er den Rest des Tages doch meistens recht fröhlich ist und es deshalb genießt, sich auch mal anders zu fühlen. Dann rein in die Schlappen, Fenster auf, ins Badezimmer, Dusche an, Abtrocknen, das, was man Haare nennt, kämmen, Kleidung an – und das ist praktisch, Manfred hat einfach jeden Tag das Gleiche an. Nur am Wochenende nicht, da muss Manfred nicht arbeiten, früher hatte er auch Schichtdienst, aber das macht er jetzt nicht mehr, das können die jungen Leute machen, die, die sich das körperlich noch leisten können von den Reserven her. Dann Kaffee. Den ersten im Stehen einfach in der Küche mit Blick aus dem Fenster auf diese Burg, in der er wohnt, diese Siedlungsburg mit dem Charme von – ja, wovon eigentlich? – ohne Charme, aber mit vielen Winkeln und Balkonen und immer wieder neuen Ecken, die Manfred auch nach den siebzehn Jahren, in denen er jetzt hier wohnt, noch nicht entdeckt hat.

Jeden Tag um 6:13 Uhr steht Therèse am Bett ihrer Mutter Karla und starrt. Sie macht sonst nichts. Therèse steht auf, tappst auf ihren Füßen, diesen wirklich winzig kleinen Tapsefüssen, die morgens immer noch irgendwie noch kleiner sind und ganz nackig, ganz nackig sind die morgens, rüber ins Schlafzimmer ihrer Mutter und stellt sich vor das Bett. Wenige Minuten später wacht Karla dann immer auf, weil sie sich irgendwie beobachtet fühlt und entdeckt dann Therèse am Fußende. Die ersten Tage hat sich Karla mächtig erschrocken, als Therèse da plötzlich stand – mit diesem Teddy im Arm, den sie kurz nach der Geburt, die jetzt auch schon wieder so lange her ist, wie lange ist sie her, fast vier Jahre, um genau zu sein, drei Jahre, neun Monate und heute fünf Tage, mit dem Teddy also, den sie von der Oma geschenkt bekam, steht sie da – und schaut. „Was ist los Therèse, kannst du nicht mehr schlafen?“ fragt Karla dann jedes Mal. Sie kennt das schon, jetzt nach den ersten Malen kennt sie es schon. Und Therése antwortet gar nichts, kriecht ins Bett und formt ihren kleinen Körper genau so, dass er an den Oberkörper von Karla perfekt ranpasst. Sie kuschelt sich in die Oberkörperkuhle, die Karlas Körper bildet, wenn sie auf der Seite liegt, so als wären sie zwei Puzzleteile, ein einfaches Puzzle, ein Anfängerpuzzle, eines, das nur aus zwei Teilen besteht und dann schon fertig und perfekt ist.

Vor vier Tagen ist die neue Nachbarin von Manfred eingezogen und seitdem ist Manfreds Welt ein bisschen auf den Kopf gestellt. Als er nämlich an diesem Tag 07:03 Uhr das Haus verließ – um 07:10 Uhr fährt Manfreds Straßenbahn, deshalb diese ungewöhnliche Uhrzeit und Manfred will wirklich nicht zu lange an der Haltestelle herumlungern und warten – als er also das Haus verließ, da fielen ihm die zwei Schilder auf, die einen sehr großen Parkplatz freihielten. So groß, dachte Manfred, so groß kann ja eigentlich nur ein Lieferwagen sein. Was sollte hier schon angeliefert werden, die Geschäfte sind ja schon seit vielen Jahren verschwunden, also wird es vielleicht ein Umzugswagen sein. Manfred ist ein kluger Kopf und schnell im Kombinieren und so dachte er bei sich, dass es wohl sein könnte, dass in die freie Wohnung nebenan, dass da jetzt jemand einzieht. Und dann ging dieser Tag auf der Arbeit fast nicht rum. Es war als hätte jemand Kaugummi in seine Armbanduhr eingeflochten, als hätte jemand allen Kollegen ein bisschen Baldrian in den Kaffee gemischt, alles war viel zu langsam und die Zeit wollte gar nicht vergehen, bis Manfred endlich wieder zuhause war, da stand der Lieferwagen da noch, aber schon fast leer und oben, neben seiner Wohnung, stand die Tür der Nachbarwohnung auf. Manfred stand erst ein paar Minuten unschlüssig herum, um dann doch zu klopfen und ein vorsichtiges „Hallo“ in den Hall der Räume zu rufen, die noch ein bisschen bewohnt werden müssen, um nicht mehr so furchtbar einsam zu klingen. „Hallo“, rief Manfred und dann rumpelte es kurz. „Oh, Moment“, reif eine Frauenstimme zurück und Manfred fuhr sich sicherheitshalber noch einmal mit der linken Hand durch das, was man Haare nennt.

Um 17:22 Uhr hört Annika den Schlüssel im Schloss der WG-Tür. Das ist immer das Zeichen. Sie schließt das Buch, klappt den Laptop zu und klackert noch dreimal mit dem Kugelschreiber. Dann steht sie von ihrem Pezziball auf, bei dem sie sich immer fragt, wieso sie den eigentlich noch besitzt. Niemand benutzt mehr Pezzibälle, nur Schwangere und frischgebackene Eltern, die ihr Kind beruhigen wollen und sich vor Knieproblemen beim Schuckeln schützen möchten. Aber Annikas Mutter ist Physiotherapeutin und findet Pezzibälle wichtig und gut für den Rücken, so gesund für den Rücken, und Annika lernt doch so viel wegen ihres Medizinstudiums, da wäre es nicht gut, wenn sie die ganze Zeit auf einem Stuhl oder noch viel schlimmer auf dem Boden oder auf dem Bett oder sonst wo sitzen würde, deshalb findet Annikas Mutter, dass Annika den Pezziball benutzen sollte und Annika macht das auch. Es ist ja nicht so als sei der jetzt besonders ungemütlich. Nur schön, schön ist wirklich was Anderes. Annika betritt den Flur und grüßt Moritz, einen ihrer zwei Mitbewohner. Moritz ist der, der den Schlüssel ins Schloss gesteckt hat. Sie begrüßen sich also und – so machen sie das jeden Tag unter der Woche – Annika fragt :„Kaffee?“ und Moritz sagt: „Dringend.“ Und dann geht Annika in die Küche und macht Kaffee. Es ist ein Ritual. Beide sitzen sie dann in der Küche, Annika dreht sich eine Zigarette, die zweite des Tages. Morgens eine zum Aufstehen und dann erst wieder, wenn Moritz den Schlüssel um 17:22 Uhr ins Schloss steckt. Als Moritz eingezogen ist, hat er Annika mal gefragt, warum sie raucht. Moritz hat sich eben gewundert, dass jemand wie Annika, die ihr Leben komplett unter Kontrolle hat, die Medizin studiert und diese Bildchen von schwarzgetränkten Lungen, die man jetzt auf den Zigarettenpackungen sieht, die diese Bildchen ja auch in echt sieht, dass so jemand raucht . Weil dann, dann müsste man doch erst recht wissen, wie ungesund das ist und Annika weiß das auch, aber sie sagt, ein Laster müsste jeder haben und das sei nun einmal ihres, es ist ihre Belohnung nach einem Tag voller Disziplin und Anstrengung und überhaupt müssen sie sich ja wohl vor Moritz nicht rechtfertigen, es würde schon reichen, wenn sie das vor ihrer Mutter tun müsste. Da war das Thema für Moritz und Annika abgeschlossen und seitdem sitzen sie beide gerne gemeinsam in der Küche und trinken Kaffee, den Annika gekocht hat, weil sie das – wie alles im Leben – besser kann als Moritz und sprechen über ihren Tag. Und wenn Moritz ganz ehrlich ist, ist das auch schön, dass Annika raucht, weil er das mag, diesen Rauchgeruch, er mag das, er sitzt da gerne drin, nur selbst, selbst möchte er nicht rauchen.

Vor Manfred steht jetzt eine Frau, die ungefähr so alt ist wie Manfred, nur viel hübscher, denkt Manfred, die ist ja viel hübscher als ich, obwohl sie ganz verschwitzt ist. Sie lacht und schüttelt sich ein paar Sägespäne vom Arm, bevor sie ihn Manfred hinhält und Manfred hat immer noch dieses Kaugummigefühl, ganz langsam hebt er seine Hand und umschließt die der Nachbarin und dann sagt sie: „Ich bin Elke. Ich bin deine neue Nachbarin, freut mich sehr. Ich werde heute noch ein bisschen bohren müssen, ich hoffe, das ist ok und außerdem bin ich gerade dabei die Beine meines Küchentisches abzusägen, weil die ein bisschen zu lang sind, für die neuen Stühle, die ich gekauft habe.“ Und dann lässt sie Manfreds Hand wieder los und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn und es bleiben ein paar Sägespäne auf dem Schweiß ihrer Stirn kleben. Manfred starrt auf die Sägespäne und weiß gar nicht, was er sagen soll, weil er sich schon einen netten neuen Nachbarn gewünscht hat, aber dass der jetzt so, also dass die jetzt so, wow. Und deshalb sagt Manfred nur: „Ich bin Manfred.“

Um 20:06 Uhr hat Ingrid alle wichtigen Sachen für die Stadtführung am nächsten Tag zusammengepackt. Die Teilnehmerliste, auf der sie abhaken muss, wer gekommen ist, die Karte mit dem Ablauf und allen Ansprechpartnern in den jeweiligen Geschäften, den Schirm, weil Ingrid denkt, dass man vielleicht doch immer einen Schirm dabeihaben müsste und die Taschentücher. Ingrid ist Stadtführerin und morgen hat sie ihre erste Tour. Das ist aufregend, vor allem, weil Ingrid nicht gerne mit Leuten spricht. Überhaupt ist Ingrid eigentlich nicht gerne unter Leuten, überhaupt nicht gerne dort, wo viele Leute sind, sie meidet den Markt, Haltestellen, Straßenbahnen, Geschäfte, Ämter. Ingrid geht nur ins Treppenhaus, wenn sie vorher durch den Spion gesehen hat, dass gerade niemand auf ihrem Flur steht, so dass sie möglicherweise grüßen müsste oder, noch schlimmer, in ein Gespräch verwickelt werden würde, und dann kommt sie da nicht mehr raus, sie würde wieder diese Flecken kriegen, am Hals und auf den Wangen und die Hitze stiege ihr zu Kopf. Ingrid schwitzt schnell, Ingrid schwitzt sehr schnell, vor allem am Kopf, an der Stirn, manchmal läuft ihr die Suppe über das Gesicht, bevor sie am restlichen Körper überhaupt erst angefangen hat zu schwitzen. Und nun hat ihre Therapeutin gesagt, Ingrid müsse mal raus, was machen, mit anderen Leuten und sie müssten sich da jetzt mal was ausdenken, etwas, aus dem Ingrid nicht mehr rauskommt, wo sie aber auch das Sagen behält und dann hat die Therapeutin Ingrid eines Tages die Anzeige mitgebracht. Jetzt ist Ingrid Stadtführerin und morgen ist ihre erste Tour und als sie ihre Tasche neben den Flurspiegel stellt, sieht sie schon die roten Flecken auf ihren Wangen.

Manfred sitzt in seiner Wohnung und lauscht dem Bohrgeräusch, dass Elke auf der anderen Seite macht. Das macht er jetzt seit einer halben Stunde. Elke bohrt ein bisschen und dann rumpelt etwas, dann bohrt sie wieder, dann hämmert sie plötzlich – vielleicht die Dübel, denkt Manfred – und dann ist immer eine kurze Pause. Was mache ich jetzt, denkt Manfred, war das schon genug, dass ich meinen Namen gesagt habe, hätte ich mehr sagen müssen, wie macht man das überhaupt mit dem Vorstellen, wenn jemand Kaugummi zwischen die Menschen geklebt hat und man ziemlich verwirrt ist im Kopf, wie macht man das dann, dass der andere nicht denkt, man wäre unhöflich oder blöd oder nicht nett. Manfred hat einfach nur gesagt: „Ich bin Manfred.“ Und dann haben sich Elke und Manfred kurz angeschaut und Elke hat viel mehr gelacht als Manfred und gesagt: „Na schön, freut mich. Hoffentlich verstehen wir uns gut, aber ich glaube schon, das wird schon klappen mit uns beiden.“ Und mehr musste ja auch nicht gesagt werden, deshalb hat Manfred dann gar nichts mehr gesagt. Er hat nur genickt und ist in seine Wohnung gegangen und nun sitzt er da. Jetzt fühlt er sich aber auch komisch, als wäre doch nicht alles gesagt worden und Elke bohrt und er sitzt und hört zu und das kann ja auch nicht alles sein. Manfred nimmt sich ein Bier aus dem Kühlschrank, er trinkt es direkt aus der Flasche, zwei Schluck, dann absetzen. Er denkt ein bisschen nach, nimmt dann ein zweites Bier aus dem Kühlschrank und geht wieder aus seiner Wohnung, zur Tür von Elke. Er klopft und es rumpelt – warum rumpelt es bei Elke immer? – und dann öffnet sie und strahlt wieder und er sagt: „Das tut ja vielleicht jetzt ganz gut.“ Und dann streckt er Elke das Bier hin, durch das Kaugummi hindurch, streckt er ihr den Arm hin und sagt: „Prost.“ Elke freut sich, denkt Manfred, sie lacht, also freut sie sich vielleicht, sie nimmt das Bier und ruft: „Das ist genau das Richtige! Was soll’s, ich muss auch nicht mehr alles schaffen heute, willst du mal meinen Tisch sehen, komm doch rein, Manfred, komm doch rein.“ Und Manfred kommt rein.