2016-09-20

NOTIZEN NEW YORK

Für alle, die lieber hören als lesen, gibt es diesen Text von mir gelesen auf Soundcloud.

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Es ist heiß.
Es ist so heiß in New York.
Draußen 32 Grad und die Luft sammelt sich in den Häuserschluchten und in den U-Bahn-Stationen ein muffig-heißer Smog aus allem Dreck, den die Stadt zu bieten hat, ohne auch nur einen Hauch von Frischluft. Man sitzt oder steht und schwitzt beim Warten. Die Treppen hoch aus den Löchern sind kaum zu meistern, ohne einen Kreislaufkollaps zu erleiden. Meine Mutter lernt die Stadt in diesem Moment zu hassen.

Chinatown. Als wir aus dem U-Bahn-Schacht japsend die Oberfläche erreichen, umweht uns ein Willkommensgeruch aus Pisse und in der Mittagssonne liegenden Fischköpfen. Ordentlich aneinander gereiht warten sie auf Käufer. Direkt daneben liegen Gewürze, deren Namen ich noch nie gehört habe und irgendjemand ruft in gebrochenem Englisch Angebote durch die Straße. Wir rennen mehr als zu schlendern. Hauptsache weg. Hauptsache weg von diesem Überangebot an Sinnesreizungen. Von diesem Mehr an zu viel und zu laut.
Dann eine Tür, bewacht von zwei goldenen Löwen. An jeder Seite einer und wir dazwischen und dann da drin.

Zwei Dollar bitte, oder vielleicht auch fünf, was Sie haben, was Sie geben wollen, hier reinstecken bitte, und dann kurz andächtig schauen und bitte die Schultern bedecken, kein Problem, wir haben auch Tücher und bitte keine Fotos oder Videos, überhaupt bitte keine Geräusche oder Anwesenheitssignale, einfach schweigen, schweigen Sie und genießen Sie diesen Raum, schauen Sie nur, die größte Buddhastatue in New York und all die Spenden, wollen Sie auch was spenden, kein Problem, Sie können auch Bargeld geben, aber bitte lautlos und dann lassen Sie lieber die beten, die es ernst meinen, Dankeschön, bis zum nächsten Mal, have a good one.

Und dann, nach kurzer Zeit, werden die Häuser kleiner und die Menschen moderner und die Cafés zahlreicher und plötzlich ist man im East Village. Ein Second Hand Laden, der so muffig riecht wie all die anderen Läden, die man von überall kennt und in dem die glitzernde Strickjacke dann aber 160 Dollar kostet, einfach, damit man sagen kann, die ist aus New York. Ja, das war ganz krass, im East Village habe ich die gekauft und überhaupt, da müsstest du mal hin, die Leute alle so schön gekleidet, nicht wie hier, ganz ohne Geschmack, die wissen, was ihnen steht, noch besser ist es eigentlich nur in Williamsburg und Kopenhagen.

Jeder Stadtteil hat seinen eigenen Geruch und immer ist etwas mehr Pisse oder Müll untergemischt, im East Village ist es etwas mehr Müll. Dieser Geruch nach gelben Säcken, die schon zwei Tage zu lang auf den Straßen liegen. Es riecht nie nach nichts, sondern immer nach einem oder zwei oder hundert Leben, deren Reste auf den Asphalt geschmissen werden.

Mittags im Hotel auf Kühlschrank runterkühlen und ausruhen. Den Blick auf den Hudson-River vom 51. Stockwerk aus und immer die Frage, wie lange man wohl bräuchte, diese Treppen zu Fuß nach unten zu laufen, aber es nie auszuprobieren. Das Abendessen von gestern in der Mikrowelle und den Fernseher an. Man gewöhnt sich so schnell. Im Frühstücksraum laufen drei verschiedene Fernsehsender parallel – mit Ton und im Hintergrund singen Popsternchen im Radio von der letzten verflossenen Liebe. Es gibt etwas, das wie Käse aussieht und nichts, das wie Wurst aussieht. Irgendwelche Flakes mit skimmed Milk. Oder Waffelteig mit sehr viel Zucker zum Selbstbacken. Das Brot packt man lieber noch einmal in den Toaster, weil man es von zuhause doch anders kennt, weil man es von zuhause doch knuspriger kennt oder zumindest mit einer Rinde, die knusprig ist und nicht zerfällt, wenn der Sirup sie trifft. Der Orangensaft schmerzt in den Zähnen, so kalt ist er und es gibt geschmackloses Rührei nur aus Eiweiß für die, die gerade aus dem Fitnessraum im 35. Stockwerk kommen. Die Äpfel sind einzeln in Folie eingeschweißt. Im Supermarkt hingegen sind sie kleingeschnitten und dann wieder in Plastik verpackt. In jedem Fall sind sie überall in Plastik verpackt. Den Kaffee gibt es auch in Pappbechern, für die, die ihn nicht beim Frühstück trinken wollen, aber das macht nichts, die meisten nehmen eh lieber die Pappbecher, da hat noch keiner draus getrunken, obwohl die richtigen Becher, die aus Porzellan ja gereinigt sind, aber man kann ja nie wissen, dann ist es halt noch mehr Müll, was macht das schon.

Vieles ist kleiner als man vorher dachte. Der Central Park ist gar nicht so wie in den Filmen, sondern einfach nur ein Park mit von der Hitze verbranntem Rasen und Obdachlosen, die Zuflucht suchen. Im Park an der Uni ist es schon lebendiger und grüner und die Eichhörnchen laufen herum wie niedliche Ratten, die versuchen, etwas von deiner Pizzaecke abzubekommen. Plötzlich spielt im Hintergrund ein Jazztrio und man kommt sich dann doch ein bisschen vor wie in diesen Filmen. Es gibt unzählige Dogwalker, die mit einem oder fünf Hunden an der Leine durch den Park spazieren und dafür sorgen, dass Herrchen und Frauchen das am Abend nicht mehr selbst machen müssen. Alles wird outgesourct, weil es tagsüber eigentlich nur darum geht, diese lächerlich hohe Miete für diese lächerlich kleine Wohnung in dieser lächerlich schönen Stadt zu verdienen. Und dann aber mit Hund.

Zurück in der U-Bahn schlafen wieder die, die heute morgen zu früh aufgestanden sind, weil der Arbeitsweg so lang ist und sie sich ein Leben in der Nähe des Jobs nicht leisten können. Sie alle halten ihre Pappbecher mit Coke oder Kaffee oder Cold Brewed oder Limo gekonnt gerade, auch wenn ihnen schon vor zehn Minuten die Augen zugefallen sind. Pünktlich zu ihrer Station wachen sie auf, als hätten sie es geübt und die Bahn spuckt sie zurück in den Trubel dieser Stadt. Ab und an steigen Polizisten ein und grüßen und fahren mit und beobachten alle und meine Mutter findet das gut, weil sie eine Knarre am Bund stecken haben und ich finde es nicht gut, weil sie eine Knarre am Bund stecken haben. Von vollkommen sicher zu absoluter Unsicherheit ist es in dieser Stadt nur ein kleiner Schritt.

Neben der Brooklyn Bridge steht ein riesiger Sandstein-Palast der Zeugen Jehovas und meine Mutter fragt, warum, und ich sage, das sei eine sehr gute Frage. Wir stehen auf der Brooklyn Heights Promenade und schauen auf Manhattan. Auf diese berühmte Silhouette und schauen und schauen und können uns gar nicht satt sehen. Wie verrückt war das, muss das gewesen sein, wie verrückt wäre das, wenn du jetzt hier stehst und dann fliegt da ein Flugzeug, nein zwei, dann fliegen da zwei Flugzeuge rein und du siehst das alles und kannst es nicht begreifen. Ich will da gar nicht dran denken, sagt meine Mutter und trotzdem denkt man bei jedem Anblick dran. Unser Rückflug geht am 11. September.

In Williamsburg dann so etwas wie ein normales Leben, wie ein Leben, das man sich vorstellen könnte, vielleicht, in dieser Stadt, wenn man hier leben müsste. Eine junge Frau starrt mich an als sie mir entgegen kommt und ich denke, nicht hier auch, bis jetzt hat doch auch sonst niemand geschaut, es gibt so viele andere, die noch viel verrückter aussehen als ich, bitte nicht schon wieder starren und dann lächelt sie nur und sagt, hey, I like your glasses. Und ich flüstere ein Thank you. Das ist ja toll, sagt meine Mutter, was mochte sie, deine Brille, ach so, das ist ja toll, wie nett die Leute sind, stell dir vor, das sagt jemand in Deutschland, einfach so, aus heiterem Himmel, man würde denken, es stimmt was nicht mit der. Die Häuser sind kleiner und der Geruch ist nur an den großen Straßenecken so stark, dass man ihn nicht lange aushält. Es gibt überall Gerichte mit Grünkohl, weil Grünkohl das aktuelle Hipstergemüse ist und das ist dann doch etwas heimelig.

Aber wir müssen zurück, zurück in die U-Bahn und nach Manhattan und noch so viel sehen und noch so viel essen. Nochmal die leckeren Nudeln vom Chinesen in der 57. oder doch lieber den Burger mit den Chilli-Fritten vom Broadway, der so praktisch neben dem Hotel liegt und bei dem man den Zuckerschock mit dem Oreo-Milchshake noch oben drauf bekommt. Und dann vielleicht noch ein bisschen Obst, dieses Plastikobst, das man nicht mehr schneiden muss, weil der Rest doch schon arg ungesund ist und man diese Schlemmerei ja irgendwie ausgleichen muss, zumindest ein bisschen. Schnell den Time Square fotografieren, weil man da war und den Sonnenuntergang und das Denkmal mit den herabfließenden Wasserbächen und den eingravierten Namen und dann doch noch einmal Gänsehaut.

Das MoMA hat doch heute Nachmittag freien Eintritt, schnell dahin. Bitte hier anstellen und dann geht alles doch ganz schnell und man ist in einer Masse von Menschen, die dieses eine Bild, du weißt schon, das mit der Nacht und den Sternen von diesem Typen mit dem Ohr, einmal im Original gesehen haben. Oben anfangen und nach unten durcharbeiten, sagt der Reiseführer und sage ich zu meiner Mutter, die mit Kunst ungefähr so viel anfangen kann wie ich mit Kochen. Es gibt zwei Kategorien, das eine ist schön und das andere nicht und was nicht schön ist, ist keine Kunst. Ich rede mir den Mund fusselig und erkläre, warum Pollock nicht schön, aber Kunst ist und was das Besondere ist und sie sagt, es sei ihr egal, einfach so, ist es ihr egal und ich denke, vielleicht muss man das so ansehen. Dann eine Konstruktion mit einem toten, aufgespannten Kaninchen und Holzbalken und ich lache und sage, schau nicht auf das Schild, rate, von wem das ist, rate, einfach so. Wie kann man denn ein totes Kaninchen so aufspannen, was soll das denn, sagt meine Mutter, das ist total bescheuert, das ist so bescheuert, dass es nur dieser Typ mit der Fettecke gemacht haben kann und ich sage, richtig, es geht doch, siehst du, das ist auch Kunst, Wiedererkennen und der Typ heißt Beuys. Es wird immer voller und ich zwischen all den Leuten, die die Gemälde und Skulpturen fotografieren, was ich nicht verstehe, weil man den Zauber auf den Handyfotos gar nicht spüren kann und ich zwischen all den Leuten mit dem Versuch, das Sehen zu üben und aufzunehmen. Und dann wird es doch zu viel und zu voll und nur noch schnell ein Bilderbuch gekauft als Erinnerung, ein kleines wegen des Gepäcks, aber eines von Frida Kahlo und dann wieder raus.

Und bevor der große Regen kommt, sitzen wir schon wieder im Taxi zum Flughafen und brauchen eineinhalb Stunden allein, um aus Manhattan rauszukommen. Aus diesem Viertel, in dem es viel zu viele Autos für viel zu wenig Straße gibt und in dem immer gehupt wird und eine Ampelschaltung nur eine Empfehlung zu sein scheint. Und als wir im Flugzeug sitzen und schon weit über dem Atlantik fliegen und uns die Augen dann doch zufallen, da geht es in New York einfach so weiter, einfach immer weiter, mit den Autos und den Menschen und dem Müll und den Fernsehern und dem Wahlkampf und dieser unfassbaren Lautstärke, die einfach überall zu sein scheint und gar nicht abzustellen ist. Einen Raum für Stille. Einen Raum, in den man ein oder zwei Stunden oder einen Tag gehen kann, um mal durchzuatmen, von dieser Stadt, die einen immer überholt, egal, wie schnell man läuft oder atmet, das wäre es. Bis dahin wird weiter gerast.

2016-09-19

"AUF AUGENHÖHE" – EINE BESONDERE VATER-SOHN-GESCHICHTE

Copyright: Auf Augenhöhe 
Seit Donnerstag läuft in einigen deutschen Kinos der neue Film "Auf Augenhöhe". Eine Vater-Sohn-Geschichte der besonderen Art, die berührend, fröhlich und nachdenklich ist. Ich durfte mir den Film vor Erscheinen anschauen und verrate euch, ob sich der Kinobesuch lohnt.

Worum geht's? 
Michi lebt im Heim und hat dort mit seinen Mitbewohnern, den Regeln, den Erzieher*innen und sich selbst zu kämpfen. Eines Tages findet er in einem ungeöffneten Brief seiner Mutter die Adresse seines Vaters heraus. Seine Mutter ist vor einigen Jahren gestorben, der Vater war bis jetzt unbekannt und so landete Michi im Heim. Michis großer Traum scheint in Erfüllung zu gehen: Endlich aus dem Heim raus und bei seinem richtigen Vater leben. Er malt sich aus, wie cool und gutaussehend und erfolgreich sein Vater wohl sein mag und macht sich am nächsten Tag auf eigene Faust auf den Weg zu der angegebenen Adresse. 
Da sein Vater nicht zuhause ist, schiebt Michi einen Brief durch den Türschlitz. Wenige Minuten später stellt er fest, dass der Mann, der in der Wohnung lebt, nicht seinen Träumen entspricht. Im Gegenteil, Michis Vater ist kleinwüchsig. Das macht das Kennenlernen der Beiden nicht unbedingt leicht - für beide Seiten.

Der Film macht Spaß und gehört zu den besten Filmen, die ich bis jetzt zu diesen Thema gesehen habe. Die Hauptrollen sind mit Luis Vorbach und Jordan Prentice perfekt besetzt. Es ist eine Freude, den Beiden beim Spielen zuzusehen. Und der Film zeigt, dass es durchaus möglich ist, die Rolle eines Menschen mit Kleinwuchs mit einem passenden Schauspieler zu besetzen (im Gegensatz zu dieser Produktion).
Als ein bisschen schade habe ich empfunden, dass für das Zusammenspiel der Protagonisten alle andere Logik und erzählerischen Kniffe ein bisschen in den Hintergrund geraten. Natürlich wohnt Michis Vater auch nach über zehn Jahren immer noch in der gleichen Wohnung und vor allem in der gleichen Stadt, in der auch Michis Heim steht. Natürlich kommt der Polizist, der die beiden anhält, als Michi mal fahren darf (und dann sitzt plötzlich wieder Michis Vater am Steuer) wie der übelste Trottel daher. Natürlich hat Michis Vater allerlei zeitliche und finanzielle Ressourcen, um Michi erstmal aufzunehmen und ihm ein komplett neues Zimmer einzurichten und natürlich gibt es da (zumindest anfangs) keinerlei behördlichen Schnickschnack.
Aber gut - das Ganze ist ein Kinderfilm und von daher will ich nicht zu viel meckern. Denn tatsächlich steht hier das Kennenlernen und Verhältnis der Beiden im Vordergrund. Die Unsicherheiten des Vaters, der sich nicht vorstellen kann, dass sein Sohn ihn so akzeptiert wie er ist. Die Wut Michis, für den das alles auf einmal viel zu viel ist und der sich einfach nur ein "normales" Zuhause wünscht. Und genau dieses Verhältnis zeigt das Regieduo Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf sehr gekonnt und einfühlsam. Ich mochte besonders Ella Frey, die Michis neue Freundin Katja spielt und mit Longboard und großer Klappe daher kommt. Eine starke Mädchenrolle in einem sonst fast ausschließlich männlich besetzten Film.

Wenn deutsche Film- und Fernsehproduktionen es jetzt noch schaffen würden, dieses Thema nicht nur in Kinderfilmen gekonnt umzusetzen und kleinwüchsige Darsteller*innen ganz "normal" in Filmen zu besetzen, dann wäre einer meiner großen Wünsche schon in Erfüllung gegangen. "Auf Augenhöhe" ebnet in jedem Fall den Weg dorthin und ist mein Kinotipp für Kinder und Jugendliche (und deren Eltern und Lehrer*innen) im Dezember).


2016-09-17

MEIN KÖRPER - MEINE VERANTWORTUNG - MEINE ENTSCHEIDUNG

Copyright: Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung
Immer im September gehen in Berlin die sogenannten "Lebensschützer" auf die Straße, um gegen Abtreibung, Selbstbestimmung und diverse andere Menschenrechte zu demonstrieren. Deshalb fand heute zeitgleich der Aktionstag "Leben und Lieben ohne Bevormundung" des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung statt und ich durfte ich folgenden Slam-Text vortragen.

Mein Leben lang haben mir Menschen erzählt, was an meinem Körper nicht stimmt:

- Er ist zu klein.
- Er ist zu stämmig.
- Er ist von allem zu wenig.
- Er ist von allem zu viel.
- Er ist vor allem und in erster Linie nicht meine Privatsache.

Kleidung war in erster Linie dazu da, mich „vorteilhaft“ aussehen zu lassen. Vorteilhaft, das bedeutete, größer zu wirken, dünner zu wirken, seriöser zu wirken, insgesamt so zu wirken wie all die anderen auch wirken sollen, um in einer sich gegenseitig auffressenden Gesellschaft erfolgreich überleben zu können. Ich war immer zu wenig angezogen. Ich war immer zu viel angezogen. Ich war in jedem Fall immer falsch angezogen. Das wussten sie, weil sie wissen, was sich gehört. Weil es egal war, was ich fühle, wie ich mich fühle oder worauf ich verdammt noch mal Bock habe.

Dazu gehört natürlich auch, den passenden Partner zu finden. Und ich sage hier mit Absicht „Partner“, denn andere Varianten des zwischenmenschlichen Zusammen- oder Sexuallebens waren nicht vorgesehen. Es ist doch schon schlimm genug, dass ich anders aussehe als andere, dann muss ich nicht auch noch anders lieben. Und überhaupt – wenn sich denn einer mir erbarmen würde, und mich, diesen kaputten Körper, dieses Sein an Mensch, das nicht reinzupassen scheint, nehmen würde, dann, ja dann, solle ich doch mal so richtig froh sein. Und Ansprüche könne ich in diesem Zusammenhang aber mal so gar keine stellen. Das könne ich mir in meiner Situation nicht leisten.

Es hat also Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gedauert, bis ich meinen Körper und alles, was zu ihm gehört, nicht nur akzeptieren, sondern auch lieben gelernt habe.
Und dann ist aber nicht Schluss. Im Gegenteil. Ich darf ihn weder gut finden, noch über ihn bestimmen.

Eine Vertreterin meiner Frauenärztin fragte mich mal bei einer Vorsorgeuntersuchung, wann ich denn nun vorhätte, endlich Kinder zu bekommen. Da war ich 30 Jahre alt. Diese Ärztin kannte weder mich, noch meine persönlichen Umstände, noch mein Beziehungsleben, noch meine voran gegangenen Krankheiten, sie kannte also gar nichts, außer dem Fakt, dass ich 30 und weiblich war und daher anscheinend in der Pflicht, zu gebären.

Eine Frau lässt sich mit Ende 20 sterilisieren. Was diese Frau sich daraufhin im Bekannten- und Feund*innenkreis anhören musste, ist kaum auszumalen. Oder – eigentlich doch. Leider. Denn wir alle wissen, wie sehr unsere eigene Lebens- und Liebesplanung unter dem Urteil der anderen bestehen muss.
Sie könne das für sich selbst noch nicht beurteilen. Sie sei noch zu jung, um darüber zu entscheiden. Sie sei überhaupt mal gar nicht in der Lage, das zu entscheiden. Sie solle mal an andere denken. Und an ihre zukünftigen Partner, wenn die doch Kinder wollten. Und überhaupt mal an die Kinder denken, all die Kinder, die sie jetzt nicht gebären kann, diese 453 Stück.

Dass das alles ganz einfach ihre Entscheidung ist. Ihre verdammte eigene Entscheidung über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben, das ist offenbar keinem der Kommentierenden bewusst.
Dass sie Gründe dafür hat, die außerdem niemanden etwas angehen außer sie selbst, dass ist offenbar keinem der Kommentierenden bewusst.
Dass sie außerdem keinem eine Rechenschaft schuldig ist, wie sie über ihren Körper bestimmt, dass ist offenbar keinem der Kommentierenden bewusst.

Schon immer haben sich andere das Recht herausgenommen, über den Körper dieser Frau, über meinen Körper, über eure Körper, über viel zu viele Körper zu bestimmen.
Schon immer wussten alte, weiße Männer, wie ich mich zu fühlen haben. Wie ich zu verurteilen sei, wenn ich über meinen Körper selbst bestimme. Wie ich zu handeln habe. Wie ich zu denken habe.

Wir schleppen seit Jahrzehnten und Jahrhunderten Gesetze und Regeln mit uns, die in keiner Weise gerecht oder angemessen sind. Aber, weil das eben schon immer so war, bleibt es so.

Egal, ob wir damit mindestens 50 Prozent der Bevölkerung das Selbstbestimmungsrecht absprechen.
Egal, ob wir damit im Vergleich mit den Gesetzen in anderen Ländern ein Schlusslicht sind.
Egal, ob wir damit Menschen in völlig hilflosen und ausweglosen Situationen kriminalisieren.

Aber was erwarte ich von einem Land und von einer Gesellschaft, dessen Kanzlerin irgendwie ein schlechtes Gefühl dabei hat, wenn alle Menschen heiraten wollen?

Von einem Land, in dem kaum ein*e Politiker*in es schafft, sich zu diesem Thema, für das wir heute kämpfen, zu positionieren?

Von einem Land, in dem über den Geburtenrückgang gejammert wird, das aber nicht in der Lage ist, Frauen und Schwangere in jeder Lebenslage – vor allem in mehrfach benachteiligten Situationen – zu unterstützen?

Ich bin wütend und enttäuscht, dass wir hier heute immer noch stehen müssen. Hört endlich auf, bestimmen zu wollen, was ich fühlen, denken oder tun soll! Abtreibung ist Menschenrecht!

2016-08-31

NINIA IN SCHOTTLAND: HIGHLANDS & ISLE OF SKYE


Nach den großen Städten ging es auf unserer Tour in die Highlands und auf die Isle of Skye. Eines sage ich euch: Wenn man in Schottland irgendwas gesehen haben muss, dann das. Diese Natur hat mich, trotz richtig miesem Wetter, absolut umgehauen. Wir sind einfach gefahren (teilweise über Berge, wo mir der Po schon wieder auf Grundeis ging) und alle paar Meter ausgestiegen, um irgendwas zu fotografieren.

Einen richtig guten Tipp habe ich für euch, wenn ihr von Inverness nach Portree (Isle of Skye) fahrt: Macht unbedingt einen Halt in Applecross. Was für ein bezaubernder, kleiner Fischerort. Absolut romantisch und süß. Im Applecross Inn treffen sich vor allem Motorradfahrer_innen und Extremradler_innen und essen super frischen Fisch und anderes leckeres Zeug. Da wäre ich gern länger geblieben.

Auf der Isle of Skye haben wir in Portree übernachtet (im Portree Youth Hostel). Von hier aus kann man viele Touren, mit dem Auto, Fahrrad oder zu Fuß starten und sich die Umgebung anschauen. Richtig leckeres, vegetarisches Essen gibt's übrigens im Café Arriba. Aber Obacht, hier ist es zu den Stoßzeiten immer super voll. Schön ist auch der Hafen von Portree, lauter kleine, ganz bunte Häuser. Super schnuckelig, wenn es bei uns nicht einfach zwei Tage komplett durchgeregnet hätte. Und zwar so sehr, dass wir am Nachmittag des ersten Tages, nach der großen Runde mit dem Auto an allen sehenswürdigen Felsen und Küsten vorbei, keine Lust auf gar nichts mehr hatten. Gut, dass es im Zimmer auch einen Fernseher gab, so eine Pause ist ja auch mal ganz nett.

Von Portree aus könnt ihr quasi einmal im Kreis fahren und euch die atemberaubende Natur anschauen. Mehr als beeindruckend, das können meine Fotos wohl kaum so wiedergeben, wie es in Wirklichkeit aussah.